Der Rest

Wer den Boden unter den Füssen spürt,
bewegungslos, konstant und
fest.

Erlebt, von Fülle unberührt,
den essenziell tragenden
Rest.

Den Rest, der nicht gedacht werden kann;
Und uns doch (als Quelle) erst denken lässt.

Den Rest, der vor den Träumen war;
Und der nach der Erinnerung ist.

Das, was Leben erleben lässt:

Den schönen, vollkommenen Rest.

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Entsehen

Wir sehen uns
wir sprechen
und zerbrechen,

verstehen.

Und bauen doch
auf nichts von dem,
verkennen und

entgehen.

Bis wir schliesslich anerkennen:
„Fühlen heisst den Wert zu sehen“
neue Werte, neue Träume, neues Tun

entstehen.

 

Altweibersommer

Warme Sonne, kalter Wind,
das Blätterdach ist rot geworden.
Um Krümel hüpfen Spatzenhorden,
von weitem schreit ein Kind.

Der Lärm der Stadt ist sommergleich,
die Luft noch schwer, der Boden weich,
doch es riecht nach Winter.

Und jeden Tag bestimmter,
sieht man wie der Herbst entspringt;

Aus warmer Sonne und kaltem Wind.

 

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Bahninsassen

Wir breiteten die Arme aus,
wären sie nicht schon verschränkt.
Unsere Augen tauschten Blicke aus,
wären sie nicht schon gesenkt.

Wir lernten uns wohl gerne kennen,
hätten wir uns nicht schon verkannt.
Wir liessen uns in unsere Lebenswelt rennen,
hätten wir uns nicht schon verbannt.

Verbannt von mir, verbannt von dir,
sitzen wir unter Verbannten hier,
als ob es das allermenschlichste sei.

So sehr verschwiegen, (denn mehr wagen wir nicht)
dass einzig die Frage die Stille durchbricht:
„Ist dieser Platz noch frei?“

 

 

Empathie

Geschriebenes wird falsch gelesen,
Erzähltes verschieden interpretiert.
Gesagtes ist nicht so gemeint gewesen,
Gedachtes ist manipuliert.

Inhaltslücke, Missverständnis,
Affekt, Zerwürfnis, schliesslich Streit.

Wird augenblicklich aufgelöst.

Doch nicht durch Sprache, nicht durch Laute,
seien sie auch noch so rein.

Es muss jene tosende Stille sein,
wenn Augen die Worte zerbrechen.
Wenn stumm, in zwei auf sich ruhenden Blicken,
die Herzen anfangen zu sprechen.

Flachland

Gleicht ein Gewässer einem anderen,
keines ist in der Tiefe gleich.

Alle Menschen suchen beim Wandern
den schönsten Silberteich.

Im Wasser spiegeln sich ihre Schuhe,
stapfen feuchtes Erdreich ein.
Zertreten blitzenden Sonnenschein
und trüben mit Wellen die Ruhe.

Der Sand ist weich.
Ein Dorsch aus Flandern

zuckt mit einem Flossenstreich
in die Tiefe, fort zu den anderen.

Ungelesen

Ein Leben könnte Seiten füllen,
Städte Bibliotheken sein.
Stattdessen wollen sich Menschen verhüllen,
Fassaden sein, für sich allein.

So gleicht die Gesellschaft in unserem Land
viel eher einem Zeitungsstand.

Schlagzeilen brüllen die passende Meinung,
Blicke verblassen täglich neu.
Bunte Ideale in schimmernder Kleidung,
die Worte kurz und inhaltsscheu.

Bilder auf Facebook, Aphorismen auf Twitter,
gehetzt und benebelt laufen wir mit,
ein einziges donnerndes Mediengewitter.

Und wie hinter dem Schimmer seidener Tücher
schreiben wir alle versteckt unsere Bücher

Doch niemand mag mehr lesen.

Turbulenzen im Traum

Liegend.
Die Arme zu Schwingen
gestreckt im weiten leeren Raum.
Der Wind beginnt zu singen.

Der Gleitflug über Córdoba
entlang dem grossen Fluss,

ein Kuss.

Als hoffnungsloser Ikarus
noch einen Atemzug hinauf,
dann ein Hauch von Stillstand.

unbewegt.

Die Arme schliesslich angelegt,
im Adlersturz hinab!
Die Brust wie Blei, der Bauch ein Sieb!
Vom Wasser begrüsst mit fatalem Hieb,
dann rettend der Wecker:

„Piep, piep, piep.“

Lüge der Moral

Die Lüge der Moral besteht
im Denken sie sei auferlegt.
Von Gott, vom Staat, aus Tradition
als gesellschaftseigene Konvention,

ein Vertrag aus Heuchlerei und Hohn.

Verträge sind verhandelbar,
werden angepasst und lassen sich brechen.
Die Moral ist niemals wandelbar,
wird immer aus sich selber sprechen.

Moral bedarf keiner Autorität.

Jedes Handeln ist schon Zeugnis,
jedes Gewissen ist Gericht.
Und jedes moralische Versäumnis
geschieht vor dem eigenen Angesicht.